"Wie läuft das nochmal mit den Kundenreklamationen?" "Frag den Peter, der weiss das." Klingt vertraut? In vielen KMU ist das Alltag. Das Wissen steckt in den Köpfen der Mitarbeiter – und solange alle da sind, funktioniert es. Bis es das nicht mehr tut.
Das Risiko, das keiner sieht
Szenario 1: Peter ist krank
Peter, der seit 15 Jahren die Reklamationen macht, fällt aus. Zwei Wochen. Wer übernimmt? "Irgendwie" wird es schon gehen. Irgendwie heisst: Kunden warten länger, Fehler passieren, Frust auf allen Seiten.
Szenario 2: Peter kündigt
Schlimmer noch: Peter geht. Mit ihm geht das Wissen von 15 Jahren. Die Übergabe? "Er hat mir noch schnell gezeigt, wie es geht." Drei Monate später merken Sie, was alles fehlt.
Szenario 3: Peter macht Ferien
Auch harmlose Abwesenheiten werden zum Problem. Jedes Mal dieselben Fragen: "Wo ist die Vorlage?" "An wen geht die Mail?" "Was machen wir, wenn der Kunde X sagt?"
Warum KMU das trotzdem nicht ändern
Ich verstehe die Gründe. Wirklich.
"Wir haben keine Zeit dafür." Dokumentation fühlt sich an wie Zusatzarbeit. Der Laden muss laufen, Kunden warten, die Aufträge stapeln sich.
"Es läuft doch." Solange alles funktioniert, sieht niemand das Problem. Warum etwas ändern, das nicht kaputt ist?
"Das ist zu kompliziert." Die Vorstellung von Prozessdokumentation: Dicke Ordner, Flussdiagramme, ISO-Zertifizierung. Kein Wunder, dass niemand anfängt.
Die versteckten Kosten
Was "im Kopf" wirklich kostet:
Einarbeitung neuer Mitarbeiter
Ohne Dokumentation dauert die Einarbeitung doppelt so lang. Der neue Mitarbeiter fragt, unterbricht, macht Fehler. Die Kollegen verlieren Zeit beim Erklären.
Fehler durch Vergessen
Auch langjährige Mitarbeiter vergessen Schritte. Besonders bei Prozessen, die nur alle paar Monate vorkommen. "Das haben wir doch letztes Jahr anders gemacht?" – "Stimmt, aber wie genau?"
Abhängigkeit von Einzelpersonen
Wenn nur eine Person weiss, wie etwas geht, haben Sie ein Klumpenrisiko. Diese Person kann nicht Ferien machen, nicht krank werden, nicht kündigen – ohne dass es wehtut.
Qualitätsschwankungen
Jeder macht es ein bisschen anders. Mal so, mal so. Der Kunde merkt das – auch wenn Sie es nicht merken.
Der blinde Fleck: Prozesse über Abteilungsgrenzen
Es gibt eine Kategorie von Prozessen, die besonders gerne übersehen wird: Alles, was über mehrere Personen, Abteilungen oder längere Zeiträume läuft.
Ein Beispiel aus der Praxis:
Peter bearbeitet Kundenanfragen. Sein Prozess? Perfekt optimiert. Er weiss genau, was er tut.
Hanna übernimmt Peters Arbeit und verarbeitet sie weiter. Ihr Prozess? Auch perfekt optimiert. Sie weiss genau, was sie tut.
Was niemand merkt: Beide tippen dieselben Informationen in ihr jeweiliges System ein. Peter erfasst die Kundendaten. Hanna erfasst sie nochmal. Jeden Tag. Seit Jahren.
Das passiert, weil jeder nur seinen eigenen Ausschnitt sieht. Peter denkt nicht darüber nach, was nach ihm kommt. Hanna fragt nicht, was vor ihr passiert ist. Beide sind effizient – aber der Gesamtprozess ist es nicht.
Was Dokumentation wirklich bedeutet
Vergessen Sie dicke Ordner. Vergessen Sie Flussdiagramme. Prozessdokumentation kann so einfach sein:
Variante 1: Die Checkliste
Eine simple Liste: Schritt 1, Schritt 2, Schritt 3. Auf einem A4-Blatt. Laminiert neben dem Arbeitsplatz. Fertig.
Variante 2: Das kurze Video
Handy raus, Bildschirm aufnehmen, einmal den Prozess durchspielen. "So mache ich das." 5 Minuten. In einem Ordner ablegen. Erledigt.
Variante 3: Die Notiz im System
Ein Dokument im geteilten Laufwerk. "Anleitung Reklamationen". Stichpunkte reichen. Hauptsache, es existiert.
Der Mindeststandard
Sie müssen nicht alles dokumentieren. Aber fragen Sie sich bei jedem Prozess:
"Könnte eine neue Person das in meiner Abwesenheit erledigen – nur mit dem, was aufgeschrieben ist?"
Wenn die Antwort "Nein" ist, haben Sie eine Lücke.
Priorisieren Sie:
- Prozesse, die nur eine Person kann
- Prozesse, die selten vorkommen (und darum leicht vergessen werden)
- Prozesse mit Kundenauswirkung bei Fehlern
- Prozesse, die über mehrere Köpfe, Abteilungen oder lange Zeiträume laufen – hier verstecken sich die grössten Ineffizienzen
Der erste Schritt
Mein Vorschlag: Diese Woche einen Prozess dokumentieren. Nur einen. Den wichtigsten. Den, bei dem Sie am meisten Bauchschmerzen hätten, wenn die zuständige Person morgen ausfällt.
Kein perfektes Dokument. Einfach aufschreiben, wie es läuft. Stichpunkte reichen.
Das dauert 30 Minuten. Und Sie haben einen Anfang.
Zum Schluss
"Das haben wir im Kopf" ist kein Prozess. Es ist ein Risiko, das Sie jeden Tag eingehen. Die Frage ist nicht, ob es Sie einholt – sondern wann.
Die gute Nachricht: Es braucht keine grosse Aktion. Kein Projekt. Keinen Berater. Nur die Entscheidung, heute mit einem Prozess anzufangen.
Sie wissen nicht, wo anfangen?
In einem kurzen Gespräch identifizieren wir gemeinsam Ihre kritischsten Wissenslücken – und wie Sie diese pragmatisch schliessen.
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